Wenn es darum geht, die Unterschiede zwischen Deutschen und Italiener/innen zu beschreiben, Leute, ein Buch vom Umfang einer Göttlichen Komödie würde nicht ausreichen, um wirklich alle Facetten abzudecken, die es hier zu erwähnen gäbe. Klingt komisch? Immerhin liegen ja beide Länder so nah beinander und noch dazu in Europa? Ja, es klingt unwahrscheinlich. Aber tatsächlich gibt es einige Momente im Leben von Expats in Italien, die einen ausgewachsenen Kulturschock provozieren können. Dieser Artikel kann dabei nur einen Ausschnitt abbilden – denn selbst innerhalb Italiens variieren bestimmte Eigenschaften nach Region. So sind uns die Norditaliener charakteristisch etwas näher, als es die traditionsbewussten und lange "vergessenen" Süditaliener sind. Darum wird nicht jedes Merkmal überall in Italien gleich stark sicht- und spürbar auftreten.

Die Arbeitsmoral in Italien

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Italiener lieben klare und ausgeprägte Hierarchien. Sie neigen dazu, es unhinterfragt hinzunehmen, dass der Vorgesetzte Entscheidungen trifft, die sie unreflektiert befolgen. Das reicht bis zum Geschäftsführer „vom alten Schlag“, der weder strukturell noch innovativ mit der Moderne Schritt halten kann. Oder will. So gerne Italiener ansonsten immer reden und sabbeln – in der Arbeitswelt verstehen sie es, ihre Gedanken für sich zu behalten. Das liegt darin begründet, dass die Italiener um ihre prekäre wirtschaftliche Situation wissen. Sie wollen mit Widerworten nicht riskieren, ihre Stelle zu verlieren und eventuell in die Arbeitslosigkeit zu rutschen.

Das ist aber ein sehr moderner Faktor. Entscheidender ist, dass die italienische Kultur sehr männlich dominiert ist. Erfolgreiche Männer werden bewundert und man verspricht sich als Angestellte/r vom bedingungslosen Befolgen der Vorgaben, dass man es auch irgendwann einmal "zu etwas" bringt. Gleichzeitig hat Individualität in der italienischen Arbeitswelt einen hohen Stellenwert. Wie sich das immer mit ihrer Tendenz zur Unterwürfigkeit gegenüber Vorgesetzten ausgeht? Das verstehen wohl nur die Italiener selbst. Wer im Job aber erfolgreich ist, investiert sein Geld liebend gern in Statussymbole. Das ist natürlich in gewisser Weise durchaus Ausdruck einer Suche nach Individualität. Goldketten sind also nicht nur Schmuck in Italien.

Mann und Frau in Italien

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Freundschaften zwischen Mann und Frau werden eher skeptisch betrachtet. Denn hier wird – Hallo, Männlichkeit! – Männern grundsätzlich unterstellt, nur deshalb mit Frauen befreundet zu sein, weil sie – mindestens heimlich – eine Schwäche für sie hat. Sprich: Männer glauben, dass Männer sich mit Frauen anfreunden, um sie zu gegebener Zeit flachzulegen. Das klingt nach überhöhtem Machismo, kann aber auch so ausgelegt werden, dass sich Männer hier noch immer als Beschützer der Frauen verstehen. Die Italienerinnen befeuern dieses männliche Selbstverständnis allerdings auch in entsprechendem Maße. Sie genießen es, einerseits das schwache Geschlecht zu sein, andererseits wissen sie sehr wohl, dass es meistens sie sind, die am Ende des Tages Zuhause dann die Hosen anhaben. Aber nicht nur deshalb sind Beziehungen in Italien komplex.

Zweckgemeinschaft geht über Freundschaft

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Einerseits sind Italiener sehr herzlich. Dass man schon innerhalb kürzester Zeit nach dem Kennenlernen mit Küsschen und Umarmungen und Einladungen zum Familienessen überschüttet wird, ist das wohl am weitesten verbreitete Klischee über Italiener überhaupt. Gleichzeitig sind Freundschaften oft sehr oberflächlich. Sie dienen eher zum Netzwerken, um hier und da auf das Vitamin-B zurückzugreifen, wenn man gerade auf Jobsuche ist. Man muss ihnen allerdings zugute halten, dass die italienischen Freundschaften zwar weitgehend oberflächlich bleiben, aber dafür von einer ganz besonderen Zuverlässigkeit geprägt sind. Auch, wenn man sich selten sieht oder spricht, wird jeder Kontaktaufnahme völlig vorurteilsfrei begegnet.

Italienische Gesprächsführung

Mit Italiener/innen ein Gespräch zu führen, kann schon anstrengend sein. Als Deutsche sind wir es gewohnt, unser Herz auf der Zunge zu tragen. In Deutschland schockt es niemanden mehr, wenn man seinem Gegenüber seine Meinung einfach auf den Kopf zusagt. In Italien ist das anders. Ein Unterschied, der wahres Konfliktpotential bietet und auch nach mehreren Jahren in Italien noch für Missverständnisse und den ein oder anderen Kulturschock sorgt.

  • Italiener sind mit Kritik sehr zurückhaltend. Wenn doch welche ansteht, wird diese sehr höflich verpackt und man muss schon sehr genau hinhören, um sie auch als solche zu verstehen. Eine Sache, die gerade für Expats, die mit der italienischen Arbeitswelt konfrontiert sind, gut ist zu wissen.
  • Wer Italiener/innen gegenüber typisch deutsch zu einer sehr direkten Ansprache von Problemen, Meinungen und Kritiken neigt, könnte sein italienisches Gegenüber schnell verletzten, zumindest aber irritieren. Meinungsaustausch findet hierzulande etwas vorsichtiger statt.
  • Das ist alles gut und schön, solange italienische Männer nicht anfangen, Frauen die Welt zu erklären. Mansplaining ist hier leider immer noch sehr weit verbreitet. Resultiert vermutlich auch aus dem traditionell verankerten Verständnis von Mann und Frau.
  • Egal, ob hitzköpfige Diskussion oder ganz gewöhnlicher Small-Talk: Wundere dich nicht darüber, wie oft sich Italiener/innen gegenseitig ins Wort fallen oder den Satz abschneiden. In Deutschland gilt das als unhöflich – auch bedingt dadurch, dass die Syntax es verlangt, einen Satz zu Ende anzuhören, um zu wissen, worauf der andere hinauswill. In italienischen Alltagsgesprächen ist das ständige Unterbrechen des Gegenübers ein weit verbreitetes Phänomen.

Das typisch Italienische zum Schluss

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Es gibt natürlich italienische Eigenheiten, die über die Grenzen des Landes hinaus so berühmt sind, dass wir ihnen den stereotypen Mandolien spielenden Italiener von 1.50 mit gezwirbeltem, schwarzen Schnurrbart und stets einem Lied auf den Lippen verdanken. Und was soll ich sagen?! Ja. Es stimmt. Italiener/innen

  • sind unglaublich eitel – erkennbar daran, dass man sogar sonntags Früh für die Messe aufgetakelt sein muss, denn schließlich geht’s danach noch zum Flanieren auf die örtliche Piazza. Sehen und gesehen werden eben.
  • gestikulieren viel – tatsächlich aber im Schnitt auch nur wenig mehr, als wir Deutschen. In Italien ist die Tendenz allerdings: Je emotionaler die Gesprächsführung, desto wilder das Gestikulieren.
  • sind ziemlich touchy – gerade im Gespräch und wenn dann noch die Bierseligkeit dazu kommt, oh weia! Es ist gang und gäbe, sein Gegenüber zu berühren, um eine Aussage zu betonen oder die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners (zurück) zu gewinnen.
  • unfassbar unpünktlich – selbst, wenn's darum geht, bei der Arbeit zu erscheinen. Würde es in Deutschland passieren, dass man zu Beginn der Öffnungszeit an ein Geschäft oder Amt kommt, sich aber erst mal noch eine halbe Stunde die Beine in den Bauch steht, bis wer aufmacht?
  • singen von Herzen gern – sehr häufig sind es dabei die älteren Generationen, die mindestens pfeifend durch die Straßen laufen oder gar lauthals vor sich hin trällern, dass es in den engen Gassen widerhallt. Zumindest, wenn sie nicht gerade missgelaunt und griesgrämig sind.

Die Italiener/innen sind halt einfach ein Volk voller Widersprüche. Einerseits werden Frauen vergöttert und auf Händen getragen, andererseits werden sie sofort in Schubladen gepackt, wenn sie nicht so sind, wie die Herren der Schöpfung sich das erwarten. Auf der einen Seite wollen Italiener/innen immer total individuell sein, andererseits sind bunte Haut und bunte Haare hier für viele immer noch ein Grund, mit offenem Mund zu starren, sich umzudrehen und zu lästern. Aber diese krassen Gegensätze ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geografie und Geschichte Italiens. Wer hier leben will, muss unbedingt lernen, mit dieser Gratwanderung klarzukommen. Und am Ende lieben wir sie ja genau dafür, dass sie so sind, wie sie sind.

Was Du sonst noch wissen solltest, wenn du nach Italien ziehen möchtest: